Idiomatisches Spiel und Spezialisierung

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ENNEMOND2
Groß-Brummer
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Idiomatisches Spiel und Spezialisierung

Beitrag von ENNEMOND2 » Fr 23. Jan 2015, 13:52

Ich finde es sehr schade, daß es in der "Alten Musik" und auch im Bereich der Laute quasi kaum eine wirkliche Spezialisierung auf bestimmte Repertoirebereiche gibt: Dadurch bekommen wir nur sehr selten Lautenmusik in einer wirklich IDIOMATISCH konzentrierten und aufführungspraktisch AUSGEFEILTEN Weise zu hören. Professionelle Lautenisten sind oft technisch und klanglich sehr gut und sicher, aber in puncto Aufführungspraxis und einer wirklich "idiomatischen" Spielweise erfüllen sie nur sehr selten alle Wünsche (jedenfalls von anspruchsvolleren Hörern). Es gibt zwar Lautenisten, die z. B. hauptsächlich Musik von Weiss spielen und da auch gute Resultate erzielen - aber es fehlt meist noch dieses "gewisse Etwas", das es zum wirklich "Superben" machen würde: Daß man z. B. mal öfters den Anschlag wechseln würde (etwa bei Sarabanden weicher), daß man langsame Sätze und Wiederholungen in einem "kantablen" und "körnichten" Stil (wie Bachs und Weissens Stil genannt wurde) frei auszieren würde etc. etc.. Dann nehmen professionelle Lautenisten oft in Räumen auf, die zu groß und manchmal auch überakustisch sind, statt in echt intime Kammermusik-Räume zu gehen. Repertoires wie etwa die französische Barocklautenmusik erfordern nicht nur diese intime (und eher trockene) Klang-Atmosphäre sondern auch eine genaue Kenntnis verschiedener Fassungen von Stücken, die Umsetzung von Verzierung wie es etwa Vorworte und andere theoretische Quellen nahelegen etc.: Das fängt z. B. bei der Anbindung des Nachschlags an den Triller an und geht bis zum Einsatz der Oktavsaiten der tiefen Chöre in Chaconnen u. ä.. Es sind oft "nur" Details, auf die wenige achten werden, die in der SUMME aber sehr wohl in puncto "stilistischer Beherrschung" wichtig sind. Also ich plädiere SEHR für einen wirklich viel intimeren, idiomatischeren, repertoiremäßig konzentrierteren, ja spezialisierteren und aufführungspraktisch differenziertieren Zugang zur Lautenmusik: Es ist besser ein bestimmtes Repertoire sehr gut und wirklich ausgefeilt, mit stilistischer Raffinesse und Subtilität zu spielen als viele verschiedene Repertoires - aber die dann eben oft nicht stilistisch passend und aufführungspraktisch ausgefeilt genug.
Instrument, Repertoire, Spieler, Raum, Aufführungspraxis - das sollte alles OPTIMAL zusammenpassen und aufeinander abgestimmt sein: Geben wir der Lautenmusik ihren wirklichen ADEL, ihre Intimität und unter den Zuhörern auch noch mehr die KENNERschaft zurück: Dazu müssen wir uns als Spieler und das Publikum als Hörer noch mehr anhalten und erziehen, denke ich.

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