Originalinstrumente für Aufnahmen

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ENNEMOND2
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Originalinstrumente für Aufnahmen

Beitrag von ENNEMOND2 » Sa 31. Jan 2015, 18:36

Museen scheinen immer restriktiver in der Freigabe von Originalsinstrumenten zu werden: Das ist einerseits verständlich und begrüßenswert, da so die Originale geschützt werden. Andererseits entgeht uns aber auch etwas - es gibt noch etliche Originale, die spielbar wären und bei denen eine Besaitung bei "milder" Spannung durchaus vertretbar wäre: Diesen Instrumenten würde wahrscheinlich bei Bespielung nichts passieren, wenn sie von erfahrenen Spielern vorsichtig behandelt werden. Ein Beispiel für eine solche Laute wäre wohl die anscheinend noch SEHR gut erhaltene Tielke in Nürnberg (http://objektkatalog.gnm.de/objekt/MI394), von der es meines Wissens keine einzige Aufnahme gibt: Das Instrument schlummert also in Nürnberg vor sich hin, ohne daß ein guter Lautenist auf ihr deutsch-französische Lautenmusik des späten 17./frühen 18. Jahrhunderts aufnehmen darf. Ist das nicht ein bischen sehr streng? Da entgehen uns meiner Meinung nach schon SEHR interessante klangliche Erlebnisse! Ich meine - es IST wünschenswert, daß noch spielbare Originalinstrumente mit möglichst zum Instrument passendem Repertoire in stilistisch/aufführungspraktisch differenzierter Weise in einer intimen Akustik mit sehr guter Besaitung und aufnahmetechnisch optimal, i. e. intim und "realistisch" (d. h. dem originalen Klang möglichst nahe) aufgenommen werden: Das wäre umso wichtiger, als wir ja wissen, daß etwa Lautenisten wie Mace und die Franzosen des 17. Jh. ALTE Decken besonders schätzten - wahrscheinlich, weil sie einen wärmeren Klang produzierten. Bei Instrumenten wie der Tielke in Nürnberg hätten wir nun eine solche alte Decke - aber nicht mal eine einzige Aufnahme darf gemacht werden??!
Ich finde es muß eine vernünftige BALANCE geben zwischen dem Wunsch, Originale vor etwaiger Beschädigung zu schützen und dem Verlangen danach, noch spielbare Instrumente auf Aufnahmen dokumentiert zu haben. Das sollten wir mal an die Museen herantragen.

EkkehardUlrich
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Re: Originalinstrumente für Aufnahmen

Beitrag von EkkehardUlrich » Sa 31. Jan 2015, 19:44

Hallo Ennemond2!
Die Tielke-Laute in Nürnberg sieht in ihrem Glaskasten wirklich schön aus. Als man sie jedoch vor dem Ausstellen vorsichtig, mit geringen Kräften besaitete, war am nächsten Morgen der Steg ab. Er wurde dann nur leicht "geheftet" und die Saiten nur ganz leicht gespannt, gerade soviel, daß sie nicht durchhängen. Trotz Ihres guten Aussehens ist sie deshalb nicht spielbar. Diese Information habe ich von Herrn Friedemann Hellwig, der damals, als ich diese Laute ausgemessen habe, Leiter der Restaurationswerkstatt für Musikinstrumente war. Soweit ich weis, hat sich seither daran nichts geändert.
Im Jahrbuch "Die Laute Nr. VI" der Deutschen Lautengesellschaft ist etwas zur Geschichte dieser Laute, verfaßt von Klaus Martius und Ian Watchorn, nachzulesen.

EkkehardUlrich

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Re: Originalinstrumente für Aufnahmen

Beitrag von ENNEMOND2 » Di 21. Apr 2015, 19:22

Wenn ich lese, daß der abgeplatzte Steg "leicht geheftet" wurde, kann ich nur den Kopf schütteln - für einen guten Lautenbauer, der Erfahrung mit Originalen hat, wäre es sehr wahrscheinlich KEIN PROBLEM, den Steg wieder so anzuleimen, daß er auch eine normale Saitenspannung aushält - die Decke der Tielke in Nürnberg sieht jedenfalls äußerlich so aus, als wäre sie noch spielbar. Die Laute wurde durchleuchtet - wenn die Bebalkung noch fest mit der Decke verbunden ist, müßte das Instrument spielbar sein. Ich finde es sehr schade, daß noch etliche spielbare Instrumente in den Museen vor sich hin schlummern, ohne daß wir gute Aufnahmen mit möglichst zum Instrument PASSENDEM Repertoire mit ihnen haben. Immerhin haben ja einige Lautenisten viel Erfahrung mit dem Bespielen originaler Lauten (e. g. Bailes, Lindberg) - also ich finde wirklich, daß Museen ZU restriktiv geworden sind.

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